Reifen auf einer Straße mit dem Piesberg im Hintergrund

Ein Pieswerk für Osnabrück

Fragen und Antworten zum Pieswerk

Verfahren & Prozess

Das Verfahren, das im Pieswerk eingesetzt wird, nennt sich Pyrolyse. 

Der Begriff Pyrolyse setzt sich aus den altgriechischen Worten Pyr für Feuer und Lysis für Lösung zusammen. Es handelt sich dabei um die thermochemische Spaltung organischer Verbindungen unter Sauerstoffausschluss– es erfolgt keine Verbrennung! 

Mittels hoher Temperaturen zwischen 500 und 900 °C wird ein Bindungsbruch größerer Moleküle erzeugt und diese in kleinere Moleküle zerlegt. Pyrolyseverfahren können zum Recycling diverser Stoffe dienen, wie beispielsweise Kunststoff, Plastik, Klärschlamm, Biomasse oder auch Altreifen. Die Pyrolyse ist auch als Thermolyse bekannt.


Im Übrigen handelt es sich nicht um ein neuartiges Verfahren. Bereits seit Jahrhunderten ist die Herstellung von Holzkohle mittels Pyrolyse bekannt. Im Allgemeinen ist die Pyrolyse zudem als Verfahren zur Backofen-Selbstreinigung bekannt.





Das Pieswerk in Osnabrück wird ausgelegt sein auf die Rohstoffrückgewinnung aus Altreifen. Der Prozess wie aus Altreifen wertvolle Rohstoffe werden, läuft wie folgt ab:

  1. Altreifen werden angeliefert und gelagert.
  2. Ganze Reifen werden im Schredder zu Granulat zerkleinert. Dabei wird der im Reifen enthaltene Stahl über Magnetbänder herausgeholt.
  3. Das Granulat wird in die Pyrolyseanlage (Drehrohranlage) eingebracht. Unter hohen Temperaturen und Sauerstoffausschluss entstehen flüssige, feste und gasförmige Stoffe.
  4. Der Feststoff, das Pyrolysekoks (recovered Carbon Black), wird vermahlen und verperlt und zum Transport in Bigbags verpackt.
  5. Das Pyrolyseöl durchläuft eine Destillationseinheit, wird entschwefelt und in destilliertes Pyrolyseöl, Diesel und Leichtbenzin aufgeteilt.
  6. Das entstandene Gas wird weiter zu einem Blockheizkraftwerk (BHKW) geleitet, das wiederum den Strom zum Beheizen der Drehrohr-Pyrolyseanlage erzeugt.
  7. Auf einem Schaubild haben wir den Prozess verbildlicht.







Im Rahmen der Pyrolyse werden Altreifen zu fast 100% recycelt. Es entstehen vier Endprodukte:

  • Pyrolysegas
  • Pyrolysekoks (recovered Carbon Black)
  • Pyrolyseöl
  • Stahlschrott




Alle Produkte können der Wertschöpfungskette wieder zugeführt werden. Damit ist das Pyrolyseverfahren eine umweltfreundliche Antwort auf die zunehmend schwierigere Entsorgung von Altreifen. 


Mehr zu den einzelnen Rohstoffen erfahren Sie hier.

Zur stofflichen Verwertung können unter anderem Metalle, Kunststoffe, Glas oder Papier verwendet werden. Die Abfallprodukte werden in der Regel getrennt gesammelt oder in entsprechenden Anlagen nachträglich sortiert. Abhängig vom Abfallstoff wird dieser im Anschluss so behandelt, dass er als sekundärer Rohstoff wieder zur Produktion neuer Produkte eingesetzt werden kann. Beispiele sind Kunststoffgranulate, Papier Recyclate oder Glasgranulate. 

  • Eine Variante der stofflichen Verwertung ist dabei die thermische Behandlung von Abfallstoffen, zu denen auch das Verfahren der Pyrolyse gehört. Im Sprachgebrauch wird die stoffliche Verwertung als Recycling bezeichnet.

Die energetische Verwertung von Abfällen erfolgt in der Regel dann, wenn diese nicht mehr stofflich verwertet werden können. Dies trifft vor allem für stark vermischte, verschmutzt oder schadstoffbelastete Abfälle zu. Hier werden, vorzugsweise in Zementwerken, Abfälle mit einem hohen Heizwert als Ersatzbrennstoff für fossile Energieträger genutzt. Es erfolgt eine Rückgewinnung der enthaltenen Energie bei gleichzeitiger Nutzung dieser zur Erzeugung von Strom, Dampf oder Prozesswärme.

Abhängig von der Wahl der Pyrolysetechnologie lässt sich eine solche Anlage auch zum Recycling anderer Stoffe einsetzen, wie zum Beispiel:

  • regionale Gummi- und Kunststoffabfälle, die andernfalls einer Verbrennung zugeführt würden;
  • Klärschlamm zur Phosphorrückgewinnung, der aktuell kostspielig entsorgt wird;
  • Biomassen wie beispielsweise Grünabfälle;
  • elektronischer Mischschrott zur Rückgewinnung von wertvollen Metallen wie Gold oder Kupfer.

Im Pieswerk ist eine Pyrolyse mit einem Drehrohrofen vorgesehen. Diese Technik ermöglicht es optional, alle benannten Einsatzstoffe zu verarbeiten bzw. zu recyceln. Zunächst ist das Pieswerk aber ausschließlich für die Verwertung von Altreifen vorgesehen.

Standort & Anlage

Für das Pieswerk haben wir ein Fläche im Stadtteil Hafen vorgesehen - und zwar zwischen Fürstenauer Weg und Stichkanal, gegenüber dem "Hyde Park". Der Vorteil: Die Fläche ist im Eigentum der Stadtwerke, liegt in einem Industriegebiet und grenzt daher nicht an Wohngebiete. Zudem ist die Fläche verkehrlich sehr gut angebunden und optimal über den Fürstenauer Weg zu erreichen.

Übrigens: Aufgrund der Nähe zum Piesberg hat die geplante Anlage auch den Namen Pieswerk. 

Den einprägsamen Namen „Pieswerk“ haben wir aus zwei Gründen gewählt: Zum einen, weil die Anlage auf einem Gelände in der Nähe des Piesbergs entstehen soll – ein traditionsreicher Industrie- und Entsorgungsstandort, der dank der heutigen Wind-, Solar- und Deponiegasnutzung zur nachhaltigen Energiezentrale Osnabrücks umgewandelt wurde. Zum anderen, weil der Begriff „Werk“ für das steht, was uns auszeichnet als kommunales Stadtwerk: Gute Arbeit für die Stadt und die Menschen, die hier leben und wohnen.

Für das Pieswerk ist eine Fläche von 15.000 qm vorgesehen. Die Anlage ist modular geplant, die einzelnen Anlagenteile werden aus Emissionsschutzgründen eingehaust bzw. überdacht. Das höchste Bauteil - die Silos für das recovered Carbon Black, hat eine Höhe von knapp 15 Metern. 

Vor dem Bau ist zunächst die Durchführung eines Genehmigungsverfahrens nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz (kurz: BImSchG-Verfahren) erforderlich - ohne verpflichtende Öffentlichkeitsbeteiligung, aber mit einer durch die Stadtwerke proaktiv gesteuerte Kommunikation. Beim BImSchG-Verfahren wird die Anlage auf sämtliche Umwelteinwirkungen wie Lärm, Geruch etc. geprüft. Erst nach Abschluss dieses Verfahrens kann der Bau der Anlage beginnen, der für 2023 vorgesehen ist.

Nachhaltigkeit

Das Pyrolyse-Verfahren bietet eine zentrale Lösung für das derzeitige Altreifenentsorgungsproblem und ermöglicht die fast vollständige Wiederverwertung von Altreifen und anderen Abfallstoffen. Es ermöglicht die Umwandlung des Abfalls in Rohstoffe für die chemische Industrie und stellt somit einen zentralen Baustein für eine hochwertige Kreislaufwirtschaft dar.

Dabei handelt es sich im Besonderen um Abfallstoffe, für die sich eine Verwertung zunehmend schwieriger gestaltet und für die keine hochwertigen Recyclingverfahren vorhanden sind. Zusätzlich erfolgt eine Einsparung fossiler Ressourcen sowie CO2-Einsparungen im Vergleich zur herkömmlichen Produktion. Die im Prozess gewonnenen Produkte wie bspw. Pyrolysekoks würden die klassische Herstellung von Carbon Black, das durch die Verbrennung fossiler Einsatzstoffe hergestellt wird, vermeiden.

Die Frage der umweltgerechten Entsorgung von Altreifen beschäftigt zahlreiche Institutionen, Unternehmen, die Politik und auch die Zivilgesellschaft.

Weltweit fallen jährlich circa 13,5 Millionen Tonnen Altreifen an, auf Deutschland bezogen sind es allein ca. 600.000 Tonnen pro Jahr. Dabei stellt die Region Osnabrück durch mehrere im Abfall- und Entsorgungshandel tätige Unternehmen hinsichtlich Altreifen einen besonderen Hotspot dar. Über 6% der deutschen Gesamtmenge werden hier in verschiedenen Betrieben gebündelt und im Anschluss einer weiteren stofflichen oder thermischen Verwertung zugeführt. Ein Blick auf die europäischen Statistiken zeigt dabei für die vergangenen Jahre eine steigende Tendenz des Altreifenaufkommens.

Bisherige Entsorgungswege für in Deutschland anfallende Altreifen nach dem Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie e.V. sind:

  • Granulierung und Herstellung von Bodenbelägen, Sportplätzen, Spielplätzen etc. (ca. 40%)
  • Verbrennung in Zementwerken (ca. 34 %)
  • Export mit unterschiedlicher Verwertung (ca. 20%)
  • Wiederverwertung/Runderneuerung im Inland (ca. 6%)

Die Aufbringung von Granulaten aus Altreifen auf Sport- und Spielplätzen wird derzeit auf EU-Ebene kontrovers diskutiert. Dabei geht es vor allem um Mikroplastik, das durch Abrieb von Kunstrasen und Tartanbahnen in Gewässer gelangen kann.

Der Entsorgungsweg der Zementwerke wird - im Vergleich zu einem thermischen Recycling per Pyrolyse - aufgrund deutlich höherer CO2 Emissionen ebenfalls kritisch betrachtet. Aufgrund einer höheren Entsorgungsgebühr setzen Zementwerke zudem zunehmend auf die Verbrennung von Ersatzbrennstoffen anstelle von Altreifen. Dies wird das Altreifenentsorgungsproblem auf lange Sicht weiter verschärfen und alternative Entsorgungsverfahren an Relevanz gewinnen lassen.

Die jährliche CO2-Ersparnis beträgt nach Berechnungen von Prof. Dr.-Ing. Henning Bockhorn vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ca. 80.000 Tonnen. Die Berechnung basiert auf einer jährlichen Eingabemenge von ca. 16.000 Tonnen Altreifen.

Die CO2-Ersparnis beruht darauf, dass bei einer herkömmlichen Entsorgung (Verbrennung) dieser Altreifenmenge eine solche CO2-Menge anfallen würde. 

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