15.09.2021

Selbstbestimmt Wohnen in der Eversheide

Lesedauer des Artikels: 3.4 Minuten
Einrichtung Wohnen

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Wie die WiO junge behinderte Menschen mit passendem Wohnraum unterstützt

Es ist in vielerlei Hinsicht ein Vorzeigeprojekt der noch jungen kommunalen Wohnungsgesellschaft WiO: die Große Eversheide am südlichen Rand des Eversburger Friedhofes. Vier Mehrfamilienhäuser mit Platz für rund 145 Wohnungen will die WiO hier in den kommenden gut drei Jahren errichten. Darunter auch Wohnungen für junge Erwachsene mit hohem Unterstützungs- und Pflegebedarf. Bei der Planung dieser Selbstbestimmten Wohngemeinschaften (kurz: SBWG) kooperiert die WiO mit der Lebenshilfe Osnabrück.

Claudia Meyer ist Leiterin der Lebenshilfe-Geschäftsstelle und Expertin zum Thema Wohnen für behinderte Menschen. Die “hier” hat mir ihr über Selbstbestimmte Wohngemeinschaften gesprochen.

 

♦ Redaktion: Frau Meyer, was versteht man unter einer SBWG?

Claudia Meyer: Selbstbestimmte Wohngemeinschaften sind eine moderne und innovative Ergänzung zu den klassischen Wohnangeboten – wie das Wohnheim oder die ambulant erbrachten Unterstützungsleistungen in einer eigenen Wohnung. In einer Selbstbestimmten Wohngemeinschaft finden sich behinderte Menschen zusammen, die gemeinsam wohnen wollen. Jede Person erhält dafür individuelle Unterstützung, damit ein gemeinschaftliches Wohnen möglich wird.

Das Leben ist wie in einer WG: Jede Person ist Mieter und hat ihr eigenes Zimmer als Rückzugsort. Daneben gibt es gemeinschaftlich genutzte Räume wie Küche und Wohnzimmer. Der Fokus liegt auf Selbstbestimmung und Teilhabe: Alle Pflege- und Unterstützungsleistungen können individuell und gemeinschaftlich beauftragt und in Anspruch genommen werden (“Poolen”). Außerdem können die Mieterinnen und Mieter selbst über die alltäglichen Abläufe in der WG entscheiden und darüber bestimmen.


♦ Redaktion: Warum sind solche Selbstbestimmten Wohngemeinschaften aktuell so nachgefragt?

Claudia Meyer: Es findet derzeit ein enormer Wandel statt. Das spüren wir auch in unserer Beratung. Behinderte Menschen und deren Familienangehörigen stellen sich viel früher und bewusster die Frage: Wo und wie werde ich bzw. mein Kind künftig leben? Noch vor einigen Jahren war der Weg vorgezeichnet: Behinderte Menschen blieben in der elterlichen häuslichen Umgebung oder zogen ins Heim. Es gab kaum andere Wohnangebote. Heute treffen wir auf engagierte Eltern, die neue und innovative Wohnmöglichkeiten für ihre heranwachsenden oder auch längst erwachsenen behinderten Kinder suchen. Und das ist großartig!

♦ Redaktion: Wie unterstützt die Lebenshilfe die behinderten Menschen und ihre Angehörigen dabei?

Claudia Meyer: Indem wir beraten und netzwerken. Als Selbsthilfeverein bringen wir die Familien zusammen, begleiten den Austausch untereinander, informieren – und unterstützen an den Stellen, wo es erforderlich und sinnvoll ist. Wie zum Beispiel bei der geplanten Selbstbestimmten Wohngemeinschaft in der Großen Eversheide.

♦ Redaktion: Welche Rolle nimmt die Lebenshilfe denn bei diesem Projekt konkret ein?

Claudia Meyer: Mit dem Wissen, dass der Bedarf an innovativen Wohnmöglichkeiten für junge behinderte Menschen groß ist, sind wir proaktiv an die WiO herangetreten – und zwar mit einem Vorschlag, der sich in Osnabrück bereits bewährt hat. Am Sedanplatz in Osnabrück gibt es bereits seit Ende 2019 eine wunderbar funktionierende Selbstbestimmte Wohngemeinschaft, in der sechs junge Männer mit Unterstützungsbedarf zusammenleben. Das Konstrukt dahinter: Wir als Lebenshilfe sind der Ankermieter der gesamten Wohnung und vermieten den Wohnraum an die sechs Bewohner unter.

Das ist für beide Seiten von Vorteil: Der Eigentümer hat mit uns lediglich einen Ansprechpartner, der dauerhafte Mieteinnahmen garantiert. Die interessierten zukünftigen Mieterinnen und Mieter bekommen wiederum wertvolle Unterstützung bei der Suche und Miete eines geeigneten Wohnraums für eine SBWG.

♦ Redaktion: Soll dieses Konstrukt auch auf die Selbstbestimmte Wohngemeinschaft in der Eversheide übertragen werden?

Claudia Meyer: Ja – und wir sind der WiO für die Offenheit und wunderbare Zusammenarbeit sehr dankbar. Es ist beeindruckend, mit welch hohem Engagement die WiO-Verantwortlichen unseren Vorschlag nicht nur aufgenommen, sondern mit uns gemeinsam vorangetrieben haben. Mit dieser Unterstützung bin ich zuversichtlich, dass noch weitere SBWGs in Wohnprojekten der WiO entstehen werden. Der Bedarf ist jedenfalls vorhanden – und die Kompetenz und der Wille bei der WiO auch.

Zur Person:

Claudia Meyer ist Leiterin der Geschäftsstelle sowie der EUTB-Beratungsstelle der Lebenshilfe Osnabrück. Sie ist Diplom-Heilpädagogin und Moderatorin in Persönlicher Zukunftsplanung, ausgebildet in Biografiearbeit und mit langjähriger Beratungserfahrung im Bereich Wohnen von Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Lebenshilfe Osnabrück e.V.

Die Lebenshilfe Osnabrück e.V. besteht seit 1963 und versteht sich als Selbsthilfevereinigung für behinderte Menschen und deren Angehörige. Zu den Angeboten zählen u.a. die Betreuung durch den Familienentlastenden Dienst (FED), die ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) sowie die Informations- und Netzwerkarbeit für mehr Teilhabe und Inklusion. Mehr Informationen unter www.lebenshilfe-osnabrueck.de.

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Nicole Seifert

15.09.2021

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