17.01.2018

Gasumstellung? Da war doch schon mal was…

Lesedauer des Artikels: 4.31 Minuten

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1967-1970: Wie Osnabrück auf Erdgas umgestellt wurde

„Das war damals, vor fast 50 Jahren, eine für uns unglaublich spannende Aufgabe“, sagt Horst Wieligmann und blättert in der Chronik mit dem Titel „125 Jahre Gasversorgung Osnabrück“ von 1983. Der rüstige Pensionär zeigt auf die Bilder im Kapitel „Das Erdgaszeitalter bricht an“ und erzählt, wie er und seine Kollegen damals die Gasumstellung in Osnabrück gemanagt haben. Der 83-jährige Wieligmann war von 1964 bis 1996 bei den Stadtwerken und zuletzt Technischer Betriebsdirektor – und unter anderem für die Gasumstellung verantwortlich.

Gasumstellung? Moment – die steht doch im Jahr 2019 in Osnabrück an!

Aus L-Gas wird H-Gas; „Hi, Gas“ nennen die Stadtwerke und ihre dafür verantwortliche Netztochter, die SWO Netz GmbH, das anlaufende Mammutprojekt. „Was sicherlich nur die Älteren unter uns wissen – wir hatten Ende der 60er Jahre schon mal eine Gasumstellung“, sagt Wieligmann. „Und zwar von dem damals in Kokereien im Ruhrgebiet aus Steinkohle gewonnenen sogenanntem Ferngas auf das energiereichere L-Gas“. Aber warum musste denn damals umgestellt werden?

Aber warum musste denn damals umgestellt werden?

Wieligmann zählt drei wesentliche Gründe auf:

  1. Heimische Erdgasquellen: Im südoldenburgischen Raum waren neue Erdgasfelder erschlossen worden. Von hier wurde eine Hochdruckleitung entlang der westlichen Stadtgrenze bis zu einem Großverbraucher südwestlich von Osnabrück gebaut und in Betrieb genommen. „Da konnten wir uns gut dranhängen“, erläutert Wieligmann. „Für uns in Osnabrück war das ideal.“
  2. Positives Image: Im Gegensatz zu dem in Kokereien produzierten Ferngas ist Erdgas ungiftig. „Erdgas enthält kein Kohlenmonoxid – und das war damals ein schlagkräftiges Argument und sehr wichtig für die Akzeptanz“, ergänzt Wieligmann.
  3. Gas war „in“: Gas wurde als Wärmelieferant in den 60er Jahren immer beliebter, die Osnabrücker setzten auf Gasheizungen. Gab es 1961 gerade mal 41 Gasheizungen in Osnabrück, waren es fünf Jahre später – 1966 – schon mehr als 2.300. „Ferngas auf Koksbasis war also auf dem Rückzug, Erdgas stark im Kommen“, fasst Wieligmann zusammen.

1967 legten die Stadtwerke mit dem Großprojekt los. Denn genauso wie heute mussten auch damals alle mit Gas betriebenen Geräte zunächst registriert und anschließend an das neue L-Gas angepasst werden. Die Gasgeräte wurden damals im Wesentlichen in drei ‚Typen‘ unterteilt:

  1. Gasgeräte, die vergleichsweise schnell und einfach im Haushalt der Kunden umgestellt werden konnten.
  2. Gasgeräte, die nur mit größerem Aufwand umgestellt werden konnten. „Dazu zählten insbesondere die Gasherde“, so Wieligmann. „Die haben wir bei den Kunden abgeholt und in unser Wasserwerk Düstrup gebracht.“ Dort hatten die Stadtwerke eigens eine Werkstatt eingerichtet. Eine Spezialfirma führte hier die Geräteanpassung durch. „Wir haben den betroffenen Kunden für diese Zeit leihweise Elektro-Herdplatten zur Verfügung gestellt. Schließlich mussten die Kunden mehrere Tage auf ihren Gasherd verzichten – und gekocht werden musste ja nun mal auch… “
  3. Gasgeräte, die nicht mehr umgestellt werden konnten. „Wir waren ja in jeder Wohnung und an jedem Gerät – das war schon interessant, was wir damals für alte Schätzchen gefunden haben“, erinnert sich der Ruheständler.

Insgesamt dreieinhalb Jahre dauerte der gesamte Umstellungsprozess – am 16. Juli 1970 waren die Stadtwerke fertig mit allen Arbeiten. Das Ergebnis: Bei 35.700 Kunden wurden mehr als 56.000 Gasgeräte ans neue L-Gas angepasst. „Imposante Zahlen“, sagt Wieligmann beim Nachlesen in der Chronik. „Diese Zahlen hatte ich nicht mehr so präsent.“

Mit großem Interesse verfolgt der 83-jährige deshalb die Maßnahmen zur „neuen“ Gasumstellung in Osnabrück in 2019. Seit Anfang 2017 läuft die Geräteerhebung; die Experten der verantwortlichen Stadtwerke-Netztochter SWO Netz GmbH gehen davon aus, dass rund 65.000 Geräte an das neue H-Gas angepasst werden müssen. „Damals, vor fast 50 Jahren, haben das Horst Wieligmann und seine Mannschaft super gemanagt – das wird uns ebenfalls gelingen“, sagt Heinz-Werner Hölscher, Geschäftsführer der SWO Netz GmbH und somit sozusagen das „Pendant“ von Horst Wieligmann. Beide haben sich bereits kennengelernt und ausgetauscht – und dabei verabredet, nach Beendigung der Gasumstellung Ende 2019 gemeinsam darauf anzustoßen.

Mehr Informationen zur „Hi, Gas“-Umstellung gibt es auf dem Infoportal unter www.swo-netz.de/gasumstellung.

Kurz erklärt: Was für Gasarten gibt es eigentlich?

Kokereigas (Stadtgas/Ferngas): Kokereigas wird durch die sogenannte Pyrolyse („trockene Destillation“) von Steinkohle in Kokereien gewonnen. Im Zuge der Inbetriebnahme des Osnabrücker Gaswerks im Jahr 1858 wurde das vor Ort erzeugte Kokereigas als Stadtgas insbesondere zur Beleuchtung der Straßenlaternen genutzt. Nach dem wirtschaftlich bedingten Ende der Eigenerzeugung wurde die Gasversorgung Anfang der 1960er Jahre auf Ferngas auf Koksbasis umgestellt. Der Heizwert des Kokereigases ist etwa halb so hoch ist wie der Heizwert von Erdgas.

Erdgas: Erdgas ist ein brennbares, natürlich entstandenes Gasgemisch, das in unterirdischen Lagerstätten vorkommt. Hauptbestandteil ist Methan. Je nach Fundstätte und Zusammensetzung wird Erdgas unterschieden in:

  • L-Gas: L-Gas („Low caloric gas“) kommt vornehmlich aus heimischen Quellen sowie aus den benachbarten Niederlanden. Noch wird der gesamte Nordwesten Deutschlands aufgrund der räumlichen Nähe mit L-Gas versorgt. Die die Reserven aber stetig zurückgehen, wird das L-Gas-Gebiet – darunter Osnabrück – sukzessive auf H-Gas umgestellt.
  • H-Gas: H-Gas („High caloric gas“) stammt zu einem großen Teil aus Norwegen und Russland. Die vorhandenen H-Gasreserven garantieren auch zukünftig eine verlässliche Gasversorgung. H-Gas hat einen höheren Brennwert als L-Gas.

Biogas: Biogas entsteht durch die Vergärung von Biomasse wie Mais und Grünabfällen und kann nach entsprechender Aufbereitung ins Erdgasnetz eingespeist werden.

 

Quelle u.a.: http://www.gaswerk-augsburg.de/gasarten.html;  https://de.wikipedia.org/wiki/Kokereigas;  https://de.wikipedia.org/wiki/Stadtgas;  https://de.wikipedia.org/wiki/Erdgas;  https://de.wikipedia.org/wiki/Kokereigas;  https://de.wikipedia.org/wiki/Stadtgas;  https://de.wikipedia.org/wiki/Erdgas

 

5 Kommentare

Jakobus Bodo

8. August 2018 um 18:58

Habe gestern ein Schreibeb von Ihnen erhalten in dem Sie mir mitteilen, dass meine Brötje Anlage aus technischen Gründen leider nicht auf H-Gas angepasst werden kann. Daraufhin rief ich bei Ihnen an und mir wurde so nebenbei mitgeteilt, das ich eine neue Heizungsanlage kaufen müsste. Oder meinen Heizungsmonteur nach dem Umrüstssatz fragen. Das tat ich umgehend mit dem Erfolg wie soll er daran kommen, wenn es die Stadtwerke nicht schaffen. Unsere Brötjeanlage ist gerade 20 Jahre und Superwerte lt. Schornsteinfeger. Heisst das jetzt für mich, der 40 Jahre bei Ihnen Kunde ist mit 70 Jahren noch ein Darlehn. Haben Sie mal nachgedacht was die Menschen machen, die nur eine Durchschnittsrente erhalten? Wieder muss der kleine Mann büssen. Wäre dankbar von Ihnen einen Lösungsvorschlag zu erhalten.

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Frank Engelmann

13. Februar 2018 um 10:39

Wer gibt mir eine Bestätigung das die Kosten einer notwenigen Umstellung der Heißgerät nicht auf den Gaspreis umgelegt wird. Und auch nicht in Zukunft.

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Nicole Seifert

16. Februar 2018 um 10:21

Hallo Frank,
danke für Deinen Kommentar. Die Kosten werden zunächst vom jeweiligen Verteilnetzbetreiber getragen. In Osnabrück ist das die SWO Netz GmbH. Die (den Verteilnetzbetreibern) entstandenen Kosten werden gesammelt und fließen in die Netznutzungsentgelte ein. Die Kosten werden somit auf alle erdgasversorgten Haushalte und alle erdgasversorgten Industrieunternehmen in Deutschland umgelegt – unabhängig davon, ob die Kunden L- oder H-Gas beziehen. Wie sich Dein Gaspreis im Detail zusammensetzt – das kannst Du der Rechnung Deines Gasversorgers entnehmen.
Falls Du Dich weiter zur Erdgasumstellung informieren willst, dann schau mal unter http://www.swo-netz.de/gasumstellung.

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Christiana Braun

5. Februar 2018 um 16:19

So wie sich die politische Lage in der letzten Zeit abgezeichnet hat, bin ich nicht zufrieden, daß mein Gas zum Teil aus Rußland kommt. Was gibt es zur sicheren Versorgung und der Stabilität der Preise zu sagen? Und bitte nicht „Wir haben Verträge“ als Antwort.

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Nicole Seifert

20. Februar 2018 um 9:27

Liebe Christiana,
vielen Dank für Deinen Kommentar. Derzeit wird der Nordwesten Deutschlands mit Erdgas aus den Niederlanden versorgt. Diese Erdgasvorkommen sind bald erschöpft. Das ist der Grund für die Umstellung von L- auf H-Gas in Osnabrück. Der Rest von Deutschland wird aktuell schon mit H-Gas versorgt.

Das H-Gas kommt vor allem aus Norwegen und Russland über Transportleitungen zu uns nach Deutschland. Wie genau – das kannst Du hier nachlesen. Aber auch Bio-Erdgas aus Biogasanlagen kommt in Deutschland zum Einsatz.

Der Bezug von Erdgas aus verschiedenen Quellen ist ein Baustein, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Hier hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie einen Monitoringbericht veröffentlicht (hier insbesondere Seite 11), der die Versorgungssicherheit bei Erdgas bewertet.

Der Gaspreis hängt von mehreren Faktoren ab. Wenn Du wissen möchtest, wie sich Dein Gaspreis im Detail zusammensetzt, dann einfach hier klicken.

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