14.01.2022

Neues Leben für alte Reifen

Lesedauer des Artikels: 3.97 Minuten

15791


UPDATE 2. Juni 2022: KEIN Pieswerk für Osnabrück

Die Stadtwerke Osnabrück stellen die Planungen für den Bau der Altreifen-Pyrolyseanlage Pieswerk im Stadtteil Hafen ein. Mehr zu den Hintergründen erfahren Sie auf der Stadtwerke-Homepage.

Umwelt- und Klimaschutz hat in den vergangenen Jahren weiter an Bedeutung gewonnen. Uns allen wird immer stärker bewusst, dass mehr „grünes“ Engagement gefragt ist. So ist es nicht verwunderlich wenn Politik, Unternehmen und die Gesellschaft das Thema an die Spitze der tagesaktuellen Agenda gerückt haben. Gleiches gilt für die Stadtwerke Osnabrück: Sie wollen grüner werden! Das bedeutet: Sie wollen sich stärker als bisher für den Umwelt- und Klimaschutz einsetzen. Dazu packen die Stadtwerke an vielen Enden an: Seit Anfang des Jahres versorgen die Stadtwerke alle Osnabrücker  Haushalte mit Wind- und Sonnenstrom aus der Region. Auf dem Stadtwerke-Gelände des Wasserwerks Thiene bauen sie einen Solarpark mit 1,55 Megawatt Leistung – weitere 7 MW sollen in Stadt und Region in Kürze noch hinzukommen. Im Hafen wird in diesen Wochen das KV-Terminal fertiggestellt, um mehr Güter von der Straße auf die Schiene zu bringen. Und es gibt noch ein  weiterer nachhaltiges Großprojekt, das – diesmal im übertragenen Sinn – auf die Schiene gebracht werden  soll: Die Stadtwerke planen den Bau einer Pyrolyseanlage im Osnabrücker Stadtteil Hafen, um alte Reifen zu recyceln und die Rohstoffe zurück in den Wirtschaftskreislauf zu bringen.

 

Problem Altreifenentsorgung

Nahaufnahme Autoreifen

Aus Reifen werden Rohstoffe zurückgewonnen

Weltweit fallen jährlich circa 13,5 Millionen Tonnen Altreifen an, auf Deutschland bezogen sind es allein ca. 600.000 Tonnen pro Jahr. Dabei ist die Region Osnabrück hinsichtlich des Themas Altreifen ein besonderer Hotspot, weil hier mehrere Unternehmen im Abfall- und Entsorgungshandel tätig sind. „Immerhin sechs Prozent der in Deutschland aussortierten Altreifen landen in unserer Region, werden herkömmlich verbrannt oder anderweitig entsorgt – und die Menge steigt“, erläutert Projektleiter Serkan Kadi von den Stadtwerken Osnabrück. Genau hier setze die Pyrolyse an: Wertvolle Rohstoffe gingen nicht verloren, sondern könnten wiederverwertet werden.

Lösung Pyrolyse

Zudem sind Altreifen auch einfach zu schade zur Verbrennung – das ist jedenfalls die Meinung eines renommierten Fachmanns, Prof. i.R. Dr. Henning Bockhorn. Er ist Experte für das Recycling von Altgummi und berät die Stadtwerke bei den Planungen des Pieswerks: „Reifen bestehen aus sehr wertvollen Rohstoffen: aus Stahl, aus Kautschuk und aus Ruß. Bei der Verbrennung wird aus diesen zwar Energie gewonnen, die Rohstoffe an sich aber gehen verloren – unter Umweltgesichtspunkten keine gute Idee“, betont Experte Bockhorn. Bei der Pyrolyse sei das anders: „Hier werden die Reifen zunächst geschreddert und anschließend unter Sauerstoffausschluss erhitzt. Bei diesem Verfahren wird der Stahl zurückgewonnen. Anschließend werden Kautschuk und Ruß in Pyrolyseöl und Pyrolysekoks umgewandelt. Beides kann aufbereitet und weiterverwendet werden.“

Recyceln statt verbrennen

Außerdem fällt bei dem Prozess Pyrolysegas an. Das kann im  Blockheizkraftwerk genutzt werden, um den Energiebedarf für das Pyrolyseverfahren selbst zu decken. Beim Prozess der Pyrolyse selbst entsteht kein CO2. „Dafür können rund 80.000 Tonnen CO2 pro Jahr  eingespart werden – indem die Reifen bei uns durch das Pyrolyse-Verfahren recycelt werden, anstatt sie zu verbrennen“, erläutert der Projektleiter Serkan Kadi. „Durch Pyrolyse gewinnen wir die wertvollen Rohstoffe zurück – und schaffen damit eine Kreislaufwirtschaft“, betont Serkan Kadi. Wo Reifen am Ende ihres Lebens angekommen wären, geben wir ihnen ein neues Leben. Das ist für uns als Stadtwerke ein wichtiger Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz.“

Information und Austausch

Das Verfahren der Pyrolyse ist an sich keine neue Technik. Jedoch ist es in der Öffentlichkeit bislang nur  wenig bekannt. „Uns ist es wichtig, offen und transparent über unsere Pläne zu informieren“, betont der Projektleiter Serkan Kadi und führt aus: „Dazu gehört für uns eine frühzeitige Einbindung der Öffentlichkeit und vor allem der Bürger:innen aus den angrenzenden Stadtteilen.“

Die Planungen zum Bau der Pyrolyseanlage wurden erstmalig am 14. September 2021 der Öffentlichkeit im Bürgerforum Pye vorgestellt. Am 4. November fand eine zwei-stündige Informationsveranstaltung zu den aktuellen Plänen statt. „Zum Programm gehörte die Vorstellung der Planungen. An einzelnen Themenstände konnten die Teilnehmer:innen Fragen loswerden und mit den Verantwortlichen der Stadtwerke ins Gespräch kommen“, berichtet Serkan Kadi von der Veranstaltung.

„Besonders interessiert waren die Gäste am Aufbau der Anlage, sowie an den Rohstoffen, die durch das Recycling entstehen.“ Am Ende gab es eine große Fragerunde im Plenum, bei der die Verantwortlichen noch einmal Rede und Antwort standen. Es wurde durchaus kontrovers diskutiert und viele Sichtweisen kamen zur Sprache.

 

Wie geht es nun weiter?

„Wir gehen in Kürze in das sogenannte BimSch-Genehmigungsverfahren“, erklärt der Projektleiter. Das ist die Abkürzung für das Verfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz, dessen Bestimmungen Projekte dieser Art erfüllen müssen. Aufgrund der Größe der Anlage würde rechtlich ausreichen, wenn ein kleines Verfahren
beantragt würde. Die Stadtwerke haben sich aber bewusst dafür entschieden, ein „großes“ BimSchGenehmigungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung anzustreben. „Damit wollen wir das Zeichen setzen, dass wir die Bedenken von Bürgerinnen und Bürgern Ernst nehmen und sie -und das ist keine Floskel- mitnehmen wollen bei unserer Idee, ein Pieswerk am Piesberg zu bauen.“

Ein Kommentar

Christopher Seidel

3. Mai 2022 um 8:52

Super geschriebener und informativer Artikel :-). In diesen Blog werde ich mich noch richtig einlesen

Antworten

Schreibe einen Kommentar zu Christopher Seidel Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem * markiert.

Blogger:
Nicole Seifert

14.01.2022

Kontakt
Haben Sie Fragen oder Anregungen? Kontaktieren Sie uns! blog@stw-os.de

Social Media:

Besuchen Sie auch unsere anderen Social Media Profile