23.01.2019

Wasserstoff statt Akku? Erlebnisse mit einem Wasserstoffauto

Lesedauer des Artikels: 9.66 Minuten

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Nachdem ich bereits im Vorfeld ausgiebig recherchiert habe (mehr dazu hier), ist es endlich soweit! Ich wage den Selbstversuch...

 

Tag 1: Er ist da und will getankt werden

Endlich ist es soweit. Übergabeort für den Mirai ist die KfZ Werkstatt der Stadtwerke. Und dann kommt er durch das Werkstatttor eingefahren und ich bin beeindruckt. Groß ist der Mirai, irgendwo zwischen Limousine und SUV und in seinem futuristischen Design ein absoluter Hingucker. „Ein bisschen wie ein Raumschiff“ raunt mir Michael Piel, Leiter vom Flottenmanagement zu. Franz Seggert vom Autohaus Weller steigt aus und vom ersten Moment merkt man ihm seine Begeisterung für dieses Fahrzeug an. Um mich direkt zu beeindrucken, bittet er mich auf den Fahrersitz. Startknopf drücken und schon fährt das Lenkrad auf mich zu und ich mit dem Sitz auf das Lenkrad. Verrückt. Mache ich das Auto aus, fährt alles wieder zurück. „Damit sie bequemer ein- und aussteigen können“, erklärt mir Herr Seggert. Innen ist alles in Hochglanz und Leder. Schalter oder einen Tacho sucht man vergebens, stattdessen überall Displays und Fingersensoren und ein Joystick als Wahlhebel für Vor- und Zurückfahren. Ein Elektroauto braucht halt keine Gangschaltung. Alles toll und luxuriös, aber ich will endlich fahren. Und so geht es los zum Tanken...

 

Selbsttest Wasserstoffauto

An der Tanksäule.

Bei der Tankstelle angekommen fahre ich den Mirai zuerst mit der falschen Seite vor die Säule. Der Hochdruckschlauch der Wasserstofftanksäule ist aber nicht lang und schon gar nicht flexibel und so muss ich den Miarai nochmal wenden. Damit ich überhaupt tanken durfte, musste ich erst ein Schulungsvideo sehen. Das hilft mir jetzt. Hochdruckzapfpistole auf den Stutzen schieben, ein bisschen mit Kraft, arretieren, grünen Knopf drücken.  Und es passiert – nichts. Im Video hieß es, die Zapfsäule würde erst drei Probedruckstöße abgeben. Schließlich reden wir von einer Betankung mit 700 bar (!) mit einem hochexplosiven Gas. Da mag das eine gute Sicherheitsidee sein, erst mal zu probieren, ob auch alles dicht ist. Aber das scheint ja zu dauern…..  Und zu dauern…. . Gefühlt nach 2 Minuten geht es richtig los. Der Füllvorgang geht dann aber sehr schnell. Jetzt ist mein Auto voll und bis zu 500 Kilometer Reichweite stehen mir laut Toyota maximal zur Verfügung. Vielleicht. Denn das Display im Auto zeigt mir 430 km an. „Das ist doch schon mal ganz ordentlich, finden Sie nicht?“ merkt Herr Seggert von Autohaus Weller an und setzt damit die Reichweite des Mirai in Relation zu E-Autos mit Akku. Aber 500 km sind es trotzdem nicht.

 

Meine ersten Tage mit dem Wasserstoff-Cruiser

Die ersten Fahrten führen mich kreuz und quer durch Osnabrück und das Osnabrücker Land. Und ich sitze in einem sehr, sehr großen Elektroauto. Aus unserer Flotte der Stadtwerke bin ich den Renault ZOE gewohnt. Ein pfiffiger Elektro-Kleinwagen, aber eben ein Kleinwagen. Der Mirai dagegen ist ein Schiff mit einem Leergewicht von 1,8 Tonnen. Der Strom kommt aus der Brennstoffzelle. Dafür wird viel Luft angesaugt, verdichtet und der Sauerstoff der Luft verbindet sich in der Brennstoffzelle wieder mit dem getankten Wasserstoff. Dabei entsteht Strom und als „Abgas“ reiner Wasserdampf, der gesammelt, abgekühlt und als Wasser abgelassen wird. Ich fahre also ohne Abgase und Schadstoffe durch die Gegend. Tolles Gefühl. Der Strom der Brennstoffzelle treibt den vorne verbauten zentralen E-Motor an. Außerdem hat der Mirai noch einen kleinen Hochvoltakku, der bei starker Beschleunigung zusätzlich Leistung an den Motor abgibt und beim Bremsen oder von der Brennstoffzelle „Strom tankt“. Da der Akku klein ist, fällt das Abbremsen durch „Strom tanken“ im Gegensatz zu reinen akkubetriebenen E-Autos sehr sanft aus, so dass der Mirai viel intensiver seine normalen Bremsen nutzt.

 

Selbsttest Wasserstoffauto

Blick in den Innenraum

Der Mirai fährt leise, sehr leise. Nur die Brennstoffzelle brummt ein bisschen. Die Beschleunigung an der Ampel ist wie bei Elektroautos üblich unschlagbar. So unschlagbar, das mir der Mirai auf feuchter Straße vorne direkt mal durchdreht. Frontantrieb halt. Das Auto liegt satt auf der Straße. Ab Tempo 70 bis 80 wird die Beschleunigung gefühlt ein bisschen zäh, denke ich erst. Bis ich den ECO Modus ausschalte und feststelle, der Mirai geht doch ganz ordentlich vorwärts. Das Fahrwerk ist tadellos sanft, zügige Kurvenfahrten gehen aber auch. Ein Sportwagenfeeling stellt sich aber eher nicht ein und ist aufgrund des Konzeptes und der Bauform auch nicht Ziel des Mirai. Dafür verwöhnt ein JBL Sound meine Ohren und ich sitze in dicken Ledersitzen. Wobei dieses Leder sich anfühlt und aussieht wie Kunstleder, was mich irritiert.

Nach meinen ersten 150 km steht ein Verbrauch von rund 1,5 kg Wasserstoff pro 100 km im Display oder umgerechnet 14 Euro. Sehe ich das richtig? Das bedeutet 14 Euro Brennstoffkosten pro 100 km. Damit sind 100 km Wasserstoffauto teurer als 100 km eines durchschnittlichen Benziners geschweige denn Diesel. Meine Gesamtreichweite pro Tankfüllung läge dann nur noch bei etwas über 300 km, was der Reichweite moderner E-Autos mit Akku entspricht. Oder bei ganz modernen sogar darunter liegt. Und der Verbrauch liegt 50 % über den Annahmen von Toyota mit 1 kg. Ok, ich hatte viele Kilometer im Stadtverkehr, aber ich bin mir sicher, moderat gefahren zu sein. Ich werde das weiter beobachten. Aber ich bin schon irritiert. Und es bleibt nicht das einzige, was mich beim Mirai irritiert.

Ich habe den Mirai kaputt gemacht...

Zu dritt fahren wir mit dem Mirai los. Raus aus dem Parkhaus in die Stadt. So hatten wir uns das vorgestellt. Nur – das Parkhaus will uns nicht rauslassen. Also rufe ich meine Kollegen in der Leitstelle per Infoknopf. Hinter uns bildet sich eine Schlange. „Ich geh mal raus und sortiere den Verkehr“, sage ich zu Karin und springe aus dem Auto. Kaum stehe ich draußen und winke die Fahrzeuge hinter uns auf die zweite Ausfahrtspur, höre ich einen Schrei aus dem Auto. Karin ruft etwas, was ich nicht verstehe. Aber ich sehe, der Mirai rollt auf mich zu. Mit offener Tür. Und ich stehe vor der Ausfahrtsäule und drohe dazwischen eingequetscht zu werden. Hektisch springe ich in das Fahrzeug und da höre ich schon die ersten hässlichen Metallgeräusche. Ich ramme das Bremspedal in den Boden und das Auto steht. Eine plötzliche Stille wie im Film. Ich bin total geschockt. Vorwärtsgang rein und langsam vorfahren. „Ist doch nichts passiert“, sagt Karin noch. Zu sehen ist erst mal nichts. Aber die Tür ist verzogen und lässt sich nur schwer und mit Druck schließen. Ich beginne auf mich unglaublich wütend zu werden. Wie konnte mir das nur passieren? Der schöne neue Wagen. Und wie peinlich mir das ist. Verdammt. Warum habe ich die Bremse denn nicht angezogen? Es braucht ein paar Stunden, bis die Emotionen runterkochen und mein Verstand wieder einsetzt, mit dem ich die Situation nochmal analysiere.

Warum habe ich die Bremse nicht gezogen? Es gibt leider nicht „die Handbremse“ im Mirai. Es gibt irgendwie zwei und man soll beide nutzen. Zum einen eine elektronische, für die man einen separaten Knopf drücken muss. Und dann eine zusätzliche Fußbremse direkt links im Fußraum. Ein gewaltiger Fußhebel, den man kräftig nach unten treten muss. Man hört eine mechanische Ratsche. Und warum habe ich das nicht gemacht? Weil ich seit 3 Jahren keine Handbremse mehr betätigt habe. Mein 3 Jahre alter Skoda hatte eine heute vollkommen übliche „Auto Hold“ Funktion. Sobald das Auto anhält, greift elektronisch gesteuert die „Handbremse“ und blockiert das Auto. Gibt man wieder Gas/Strom, wird die Bremse elektronisch wieder gelöst. Und daher bin ich es auch nicht mehr gewohnt, eine Handbremse manuell oder per Fuß zu betätigen.

Ich schließe daraus zweierlei. Angesichts der vielen Assistenten, die unterschiedlich je Fahrzeughersteller sein können, ist ein Umstieg von einem auf das andere Auto heute deutlich anspruchsvoller, als früher. Gewohnte Routinen, auch sicherheitsrelevante, müssen hinterfragt und neu eingelernt werden. Zum anderen: Der Mirai hat einiges an Technik an Bord, die nach meinem Empfinden nicht mehr zeitgemäß ist.

Eigentlich denke ich, ich habe genug über den Mirai und Wasserstoff geschrieben. Aber dann wird es doch wieder spannend mit dem Mirai und dem Wasserstoff mitten in der Nacht an der defekten Tanksäule und ich schreibe weiter. Doch der Reihe nach.

 

Selbsttest WasserstoffautoIch bin im Osnabrücker Land einiges unterwegs gewesen und fahre Landstraße jetzt so bei 1,2 kg/100 km – und zwar ohne ECO Modus, was deutlich mehr Spaß macht. Aber ich habe doch mehr Kilometer gefahren, als ich geplant hatte und so ahnen wir schon, als wir in Menslage für unsere große Tour mit fast 400 km an einem Tag losfahren, dass es mit unserer Tankfüllung bis zur nächsten Tankstelle knapp wird. Kaum losgefahren, geht die gelbe Reservelampe an und wir werden etwas nervös. „Was ist denn, wenn die einzige Säule weit und breit defekt ist oder wir es bis dahin nicht schaffen?“, fragt mich Maria. „Keine Ahnung. Da muss der Wagen wohl stehen bleiben und abgeschleppt werden“, antworte ich. Innerlich bin ich aber überzeugt, das passiert schon nicht. Mit einer Restreichweite von 36 km erreichen wir die Tankstelle. Puh, das war schon knapp. Tanken geht ohne Probleme und wir fahren erleichtert weiter. Den Tempomat stelle ich bei 140 km/h ein, bummeln wollte ich nicht so gerne. Auf der Rückfahrt können wir auf ziemlich leerer Autobahn das Tempo lange Strecken halten und der Mirai schnurrt mit 140 km/h zügig dahin. Nur der Tank leert sich erschreckend schnell. Nachts kommen wir mit 60 km Restreichweite wieder in der Heimat an. Zügige Autobahnfahrten bedeuten eine Reichweite von etwas über 300 km, lerne ich. Zum Glück kann man mit dem Mirai aber schnell nachtanken.

„Also los, tanken“, denke ich, da es kalt und dunkel ist. Und nach 1 kg Nachladen verabschiedet sich die Tanksäule in den Störmodus. Oh, nein! Und nun? Die netten Damen in der Tankstelle können uns nicht helfen. „Da steht so eine Nummer drauf. Rufen sie da mal an." Mut macht das nicht und Maria denkt schon daran, unseren Sohn zum Abholen anzurufen. Ich rufe die „deutschlandweite Hotline“  von H2.Mobility an, die nachts auf einen Mitarbeiter mit 24/7 Bereitschaftsdienst geroutet wird. Ich lande auf seinem persönlichen AB. Er ruft aber binnen 2 Minuten zurück, schaltet sich per Fernwartung auf die Tanksäule, was etwas dauert, setzt die Säule zurück und siehe da - alles geht wieder.

 

Mein persönliches Fazit

E-Auto fahren ist toll. Leise, spurtstark und lokal emissionsfrei fährt man mit dem großen Mirai bequem und komfortabel. Und Pioniergeist durchweht einen, weil man mit Wasserstoff fährt, den man schnell nachtanken kann. Aber der Mirai hat auch Schwächen. Eine sehr kleinen Kofferraum, Rückbank nicht umklappbar, kaum Ablageflächen, eine realistische Reichweite von rund 400 km und Assistenzsystemen und Komfortmerkmale, die nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit sind.

Wäre es ein anderes Wasserstoffauto? Vielleicht, weil schnelles Nachtanken in Kombination mit E-Auto fahren ganz klasse ist. Aber ist es nur lokal emissionsfrei oder auch wirklich nachhaltig? Die jetzigen Wasserstofftankstellen werden von H2 Mobility betrieben. Dahinter steckt Mercedes Benz, Shell, Linde, Toyota und andere und das Unternehmen wird vom Bundesverkehrsministerium und der EU gefördert. H2 Mobility hat die Aufgabe, ein Wasserstofftankstellennetz in Deutschland aufzubauen In der Broschüre von H2 Mobility heisst es: „Natürlich ist das Ziel ausschließlich  grünen  Wasserstoff,  z.B.  aus  Überschuss-Windkraft,  einzusetzen.“ Oder anders gesagt: Getankt wird heute nicht ausschließlich „grüner“ Wasserstoff aus Windkraft, sondern vielfach aus Erdgas. Bedenkt man dann noch die hohen Energieverluste durch Herstellung, Transport, Lagerung und Rückumwandlung von Wasserstoff in Strom (mehr dazu hier), ist die Ökobilanz aktuell vielleicht doch noch nicht so spektakulär. Ich bin aber dennoch überzeugt, dass Wasserstoff ein ganz wichtiger Teil emissionsarmer Mobilität ist. Aber es braucht wohl noch einige Entwicklungsstufen, das wird mir klar.

Ein Akku Auto mit vergleichbarer Reichweite und der Möglichkeit zum Nachtanken an jeder Steckdose, gerne auch mit Grünstrom, wäre für mich aktuell eine sehr gute Option. In der Preisklasse und dem Niveau des Mirai von 78.000 € gibt es z.B. aktuell den Jaguar I-Pace. In den Unterlagen alles auf dem modernsten Stand, kann Teilautonom fahren, in 15 Minuten an einer DC Ladesäule 100 km Reichweite nachladen, soll 470 km Reichweite haben, realistischer Weise vermutlich um die 400 wie der Mirai, und ist auch ganz schön groß. Und ich würde ihn ökologisch korrekt in den Parkhäusern der OPG mit Grünstrom tanken, während ich arbeite. Wäre das nicht ein Objekt für einen nächsten Test? Ich würde mich auch überreden lassen, den Test zu machen...

6 Kommentare

Stefan Tiez

12. Juli 2019 um 12:52

Hallo Freunde der Zukunft,
endlich kommen sie, die Autos der Zukunft!
Ich hoffe sehr das man auch in der Politik langsam beginnt zu verstehen dass Akkus keine Lösung, sondern ein Problem an sich darstellen.
Das sagen mindestens 90% aller Wissenschaftler und Techniker. Nun brauchen wir nur noch genügend Wasserstofftränken für unsere beräderten Lieblinge und die Zukunft kann beginnen.
LG
Stef

Antworten

Heiko Schumann

26. Januar 2019 um 14:13

Ich selbst fahre einen Hyundai Nexo, und werde mir niemals wieder ein Auto mit Verbrennungsmotor kaufen. Zugegeben, hier im Rhein-Main-Gebiet gibt es mehrere Tankstellen, und es werden in Kürze deutlich mehr werden. Das HydroCoin – Projekt wird gemeinsam mit Autoherstellern kleinere Simple.Fuel – Tankstellen installieren. Vor allem werden diese Tankanlagen künftig auf den Parkplätzen von Firmenkunden zu sehen sein, die ab 3 Fahrzeugen einen interessanten Rabatt in Anspruch nehmen können. Dann kostet ein Toyota Mirai noch 55 tsd Euro, und das ist dann schon vergleichbar mit aktuellen CO2-Schleudern mit Verbrennungsmotor.

Antworten

Lisa Hoff

25. Februar 2019 um 17:13

Hallo Heiko, vielen Dank für deine Ergänzungen.

Antworten

Jörg Segebarth

24. Januar 2019 um 16:46

Lieber Wigand!

Sehr spannend geschrieben und gut nachvollziehbar! Danke.
Weiterhin gute Fahrt… und nicht stressen lassen!

Gruß
Jörg

Antworten

Lisa Hoff

25. Februar 2019 um 17:24

Hallo Jörg, danke für dein Lob!

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Wigand Maethner

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