16.12.2017

Großer Zirkus bei den Stadtwerken

Lesedauer des Artikels: 6.59 Minuten

34613


Die Eisenbahner der Stadtwerke empfangen Roncalli-Zug

Einmal im Jahr kommt im Osnabrücker Hafen ein Zug im Bahnhof an, der eine besondere Ladung trägt: Der Circus Roncalli transportiert seine historischen Zirkuswagen auf der Schiene durch das Land. Und die Stadtwerke-Mitarbeiter der Eisenbahn helfen beim Auf- und Abladen.

Schneeregen. Ich friere bitterlich. Aber nicht nur ich. Neben mir auf dem Bahnsteig steht Harald Uhle. Auch er reibt sich die Finger. „Die Kälte zieht schon in den Kragen“, sagt er und zeigt auf seine orangefarbene Sicherheitsjacke.
Harald Uhle ist Eisenbahnbetriebsleiter der Eisenbahn- und Hafenbetriebsgesellschaft Region Osnabrück mbH, kurz EHB. Als ein Teil der Stadtwerke Osnabrück ist er quasi für alles zuständig, was auf den Schienen im Osnabrücker Hafen geschieht. Und heute ist dies etwas Besonderes, denn nur einmal im Jahr kommt ein Güterzug mit Zirkuswagen an: Circus Roncalli ist der einzige Zirkus deutschlandweit, der seine historischen Zirkuswagen mit der Bahn transportiert.

13 Stunden zum Zugdrehen? In Osnabrück geht das schneller!

Früh am Morgen ist der insgesamt über 700 Meter lange Zug in Osnabrück angekommen und schnell gibt es die erste Herausforderung für die Kollegen der EHB: Er ist rückwärts in den Rangierbahnhof eingefahren. Die einzelnen Zirkuswagen haben aber nur eine Öse am vorderen Wagenbereich und können deshalb nicht per Traktor von den Waggons gezogen werden. In Ihrem vorherigen Aufführungsort Bremen war dies auch schon passiert und der Zug brauchte 13 Stunden, bis er einmal um die Stadt gefahren und gedreht wieder im Bahnhof ankam.

Harald Uhle vor dem Roncalli-Zug.

„In Osnabrück ist das kein Problem“,

baut Uhle die Roncalli-Mitarbeiter mit einem Lächeln wieder auf. „Der Zug wurde vor Ankunft der Roncalli-Mitarbeiter schon gedreht und steht passend an der Entladerampe."

Und nun stehen die ersten Waggons an der Rampe. Auf ihnen sind schöne historische Zirkuswagen, wie ich sie aus den Wimmelbüchern von Ali Mitgutsch kenne. Dort werden sie aber von Traktoren über die Landstraße gezogen. „Das ist heutzutage gar nicht mehr möglich“, erklärt mir Nina Leimer, Pressesprecherin des Circus Roncalli. Sie steht neben uns, genauso verfroren wie wir, und lacht über meine Naivität – zu Recht! „Stell dir mal vor: mehr als 80 historische Wagen, das lange Zelt, die Gitterzäune… und all das auf der Landstraße mit einer Höchstgeschwindigkeit von 40 Kilometern pro Stunde. Und dann von München nach Bremen!“ Okay: Sie hat gewonnen.

Auch das „fahrende Volk“ ist in der Zukunft angekommen. Die meisten Zirkusse fahren mit Wohnwagen und LKW über die Autobahn. Dieses Bild passt aber nicht zur Idee des „Traum-Zirkusses“. Beim Circus Roncalli werden die alten Schindelwagen halt mit dem Zug von Ort zu Ort verfrachtet. Und obwohl viele dieser Gefährte schon fast mehr als 80 Jahre alt sind, wohnen die Ensemble-Mitarbeiter während der Aufführungszeit in ihnen. Beim Auf- und Abbau muss also unbedingte Vorsicht walten.

Die Zirkuswagen werden einzeln von den Waggons gezogen

Sechs Roncalli-Mitarbeiter beginnen die Wagen auf den Waggons zu lösen. Ketten werden durch die Räder gezogen, Haltemasten aus den Rungen gezogen und Bremsklötze weggeschlagen, während der Verlademeister des Circus Roncalli, Steve Jones, die Wagen nacheinander vom Güterzug fährt.

Harald Uhle beobachtet das alles sehr genau.

„Es ist schön und ich freu mich jedes Jahr darauf, wenn der Roncalli-Zug kommt, aber es ist auch Arbeit“,

sagt er und gibt seinem Mitarbeiter ein Zeichen: Er kann jetzt losfahren und das nächste Teilstück des Zuges holen.

Tobias Thörner mit seinem Schaltkasten, mit dem er die Lok bedient.

Tobias Thörner ist Triebfahrzeugführer, quasi einer der „Lukas, der Lokomotivführer“ bei den Stadtwerken. Seine Emma bedient er aber nicht mehr mit Kohle und Feuer, sondern mit einem kleinen Apparat mit vielen Schalthebeln, den er sich vor den Bauch gehangen hat. Dieser kleine Kasten ist mit der Lok verbunden und er kann sie damit steuern, bremsen, sie fahren. Der 27-Jährige hängt an einem Wagen in der Mitte des Zuges und steuert die nächsten zehn der insgesamt über 30 Waggons vom Abstellgleis an der Römereschstraße an das Ende des fast fertig abgeräumten Zuges.
Und dann läuft es so, wie ich es selbst an einer Miniatureisenbahn spielen würde: die leeren Waggons werden nach hinten gezogen, bis ihr Ende vor der Weiche steht. Dann geht es wieder vorwärts – auf das leere Gleis. Dort werden die leeren Waggons von den Waggons mit den Zirkuswagen abgekoppelt und diese werden wieder zurück auf das Gleis mit der Rampe rangiert.

Lässig steht Tobias Thörner auf dem Waggon und fährt über den Bahnhof. Ich käme selbst nicht auf den Gedanken und schreibe es trotzdem: Bitte nicht nachmachen!

Klingt einfach, sieht auch so aus und so locker wie Thörner auf den Waggons steht und die Schalthebel klickt, scheint es, als hätte er das auch schon als Kind gespielt und es sei ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Uhle steht neben mir und lacht: „Der Vergleich ist gar nicht weit weg: zumindest ist er auch im Verein der Osnabrücker Dampflokfreunde und fährt am Wochenende in Friesland alte Züge.“ Hat Uhle selbst ihn wohl mit seiner Begeisterung angesteckt? Zumindest erzählt mir der 49-jährige Eisenbahnbetriebsleiter mit strahlenden Augen von seiner Miniatureisenbahnsammlung, die er im Keller aufbewahrt und von seinen Ausflügen als Dampflokfahrer der Museums-Eisenbahn Minden. Er hat seinen Traumjob gefunden – das Hobby zum Beruf gemacht. Diese Freude über alles, was mit Bahn zu tun hat, macht warm ums Herz. Eine Wärme, die ich bei den Temperaturen dringend nötig habe.

Auf den Waggons liegt noch Schnee

Wieder fährt Roncalli-Verlademeister Jones den Traktor flott rückwärts auf den Waggon und zieht einen Holzwagen nach dem anderen vom Zug. Die Pressesprecherin des Zirkusvolks hat sich in ihr warmes Auto zurückgezogen. Die Mitarbeiter packen an und lassen die Bremsklötze auf den hartgefrorenen Sandboden neben den Schienen fallen. Auf den Waggons liegt sogar noch Schnee. Ob der schon in Bremen mitgefahren ist? Zumindest hält er sich bei diesen Temperaturen hartnäckig auf dem rostbraunen Holz und Stahl.

Uhle läuft mit mir den Bahnsteig entlang bis zum Ende des Zuges. Hier steht die Lok und hinter ihr wird eifrig hin und her rangiert. Die Mitarbeiter der EHB haben festgestellt, dass bei einem der Waggons, die eben entladen wurden, bereits vor Wochen der TÜV abgelaufen ist. Der Waggon wird aus der Wagenreihung abgekoppelt und auf ein Abstellgleis im Bahnhofsbereich gestellt. Irgendjemand des österreichischen Bahnunternehmens wird sich hoffentlich um dieses Problemkind kümmern, solange die Spielzeit von Roncalli in Osnabrück anhält. Auch dies organisiert das Stadtwerke-Bahnteam.

Osnabrücks Winterwunderland hinter zischenden Scheibenwischern

Und dann bekomme ich ein Angebot, dass ich nicht ablehnen kann: Ich darf in der Lok mitfahren und die leeren Waggons auf ihrem Weg zum Abstellgleis begleiten. Nicht nur meine Jungfern-Fahrt in der Lok reizt mich: Ich bin auch froh, von diesem zugigen Bahnsteig wegzukommen. Und tatsächlich: Hier in der Kabine ist es warm. Mir kommt nichts schöner vor – bis zu dem Moment als die Fahrt losgeht. Auch Thörner ist zu uns gestoßen und klickt auf seinem Schalterkasten herum. Langsam rollt die Lok an, stößt leicht an die leeren Waggons, die angekoppelt werden, und fährt mit ihnen an den Hafen – vorbei an wartenden Autoreihen an den Schranken, Baggern und LKW auf umliegenden Baustellen und mit Schrott beladenen Schiffen auf dem Stichkanal Osnabrück. Der Scheibenwischer zischt hin und her und gibt immer neue Bilder aus Osnabrücks Winterwunderland frei, die sich hier am Hafen zeigen. Und wäre die Bremsung durch den Prellbock nicht doch etwas härter gewesen, hatte ich nicht mal gemerkt, dass wir schon am Abstellgleis angekommen sind. Thörner entschuldigt sich lachend und setzt hinzu:

„Das ist zum Beispiel ein Grund, warum ich lieber Güterwaggons fahre als Personenbeförderung: Es beschwert sich keiner!“

Kurz vor dem Wäldchen werden die leeren Waggons warten, bis der Applaus vom Weihnachtszirkus Roncalli verebbt, der letzte Gast aus dem Zirkuszelt gegangen ist, die Taschen der Artisten und Clowns gepackt sind und die schönen alten Zirkuswagen wieder aufgeladen werden. Diesmal geht die Fahrt ins Überwinterungsquartier. Und in Osnabrück warten Uhle, Thörner und die anderen Stadtwerke-Mitarbeiter der Bahn wieder auf den Roncallizug im nächsten Jahr.

Ein Kommentar

Ralf Schubert

17. Dezember 2017 um 13:34

Es gibt nur eine Stadtwerke

Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem * markiert.

Melissa-Amélie Gibis-Roth

Blogger:
Melissa-Amélie Gibis-Roth

16.12.2017

Kontakt
Haben Sie Fragen oder Anregungen? Kontaktieren Sie uns! blog@stw-os.de

Social Media:

Besuchen Sie auch unsere anderen Social Media Profile